Cool und herzlich


Was brauchen Jungen?

Jungen sind genauso bedürftig wie Mädchen. Wenn ich an dieser Stelle über die Bedürfnisse von Jungen spreche, heißt das nicht, dass auch Mädchen Zuwendung und eigene Räume brauchen.
Wenn über die Benachteiligung von Mädchen gesprochen wird, wird manchmal angenommen, Jungen ginge es gut und dass sie in Freiheit und Zufriedenheit aufwüchsen und eher lernen sollten ihren Raum nicht so aggressiv auszuweiten, friedlicher zu sein und kooperativer.
Es ist richtig, dass Mädchen durch das Auffallen von Jungs im Schulunterricht weniger Aufmerksamkeit bekommen - doch ist es auch kein Zuckerschlecken, ständig durch Auffallen die Aufmerksamkeit einzufordern.
Wie unsicher müssen Jungen im Zusammensein mit dem anderen Geschlecht sich fühlen, wenn sie nicht ertragen können, dass „ihre" Themen nicht drankommen?
Wie unterlegen müssen sich Jungen fühlen, wenn sie von morgens bis abends Überlegenheit demonstrieren?
Mädchenprogramme sind von der Politik endlich als wichtig erachtet worden. Wer kümmert sich um die Jungen?

Jungen bilden 65 % des Klientel von Erziehungsberatungsstellen.
Jungen bleiben häufiger sitzen und landen eher (79 %) in der Sonderschule.
Jungen werden 2X häufiger wie Mädchen in psychiatrischen Einrichtungen vorgestellt.
Jungen stottern 4X häufiger als Mädchen
Das geht später als Mann so weiter:
Der Mann stirbt statistisch 5 Jahre früher.
Viermal mehr als Frauen erleiden Männer im mittleren Alter einen Herzinfarkt.
Im Gefängnis ist der Mann-Frau Anteil 97:3

Bitte überprüfen Sie selbst einmal ihre geschlechtspezifische Sichtweisen über Männer und Frauen:
Setzt Liebenswürdigkeit Jungen weniger in die Lage (z.B. auf dem Schulhof) mit der Welt zurecht zu kommen?
Macht Sanftheit bei Jungen, wenn sie erwachsen sind, weniger beliebt bei Frauen?
Könnte diese eher zur Homosexualität führen?
Trösten Sie einen 10 jährigen Jungen, der weint, genauso lange wie ein 10 jähriges Mädchen?

In einer Untersuchung von JOHNSON werden Ergebnisse vorgestellt, dass Väter mehr als Mütter bei Mädchen die sogen. „Femininität" (i.S. von Einfühlsamkeit, sich schmücken, über Gefühle zu reden) verstärken und mehr bei Jungen die „Maskulinität" (i.S. von sich durchsetzen mit Körperlichkeit, laut sein, Grenzen ausprobieren), ohne dies mit einer Bewusstheit sich vorgenommen haben. Dem Vater-sein kommt eine wichtige Bedeutung zu. Jungen und Mädchen scheinen selbst auf ihre Väter anderes zu reagieren als auf ihre Mütter.
Wo sind die Väter?

Viele Väter sind nicht greifbar oder bekommen keinen Platz. Dass ihre Väter keine Helden sind, das würde diesen Jungen nicht schaden - im Gegenteil - Jungen brauchen keinen Helden zum Vater . Sie brauchen

  • Interesse
  • Kontakt
  • und die Chance zu fairen Auseinandersetzung mit ihnen
  • und eine Mutter, die fair begleitet.

Der Ort Held zu sein
Als erstes brauchen Jungen die Erlaubnis ein Junge sein zu dürfen. Was heißt das?
Zum Jungen-sein gehört die gesamte Palette von Gefühlen und nicht ausschließlich die ideologisch korrekte. Neben den Gefühlen der Ohnmacht, Traurigkeit und des Versagens, auf die ich später eingehen werde, gehören zu aller erst einmal die heroischen.
Schaffen Sie Platz für Krieger (trotz all der schrecklichen Kriege in der Welt), für Polarforscher, Ritter und Cowboys. Der Kopf unserer Jungen ist davon vollgestopft durch Medien. Ich sehe auf dem Schulhof oft Jungen, die in angedeuteter Pose das Geschehen eines Kampfes darstellen - doch selbst noch nie in ihrem Leben, mit 14, eine Nachtwanderung gemacht haben.
Wenn die Stadt zubetoniert ist, dann bleibt (Jungen) nur noch die Möglichkeit sich die Welt so zu erobern, in dem sie die Treppe mit dem Brett hinauf und elegant wieder runter kommen - doch ohne Kontakt zum Boden. Der fehlt ihnen - im doppelten Sinn.
Es mag idealistisch klingen zu Beginn eines solches Statements zu sagen, dass Jungen den Kontakt zur Natur brauchen. Es ist deshalb provozierend, weil mir dann jeder sagt, ich solle mit der Zeit gehen, und unsere Umwelt habe sich eben verändert. Das sei der Lauf der Zeit... Ich glaube, ein Junge braucht nicht in erster Linie ein Games für den Computer ( natürlich braucht er es, weil es der Freund hat und weil es den Computer gibt); was er tatsächlich braucht sind selbst erlebte Abenteuer, geheime Orte und eine Bande, in der er seinen Platz selbst findet und Regeln ausgehandelt werden.
Er braucht das Empfinden zur Natur als Partner, den es zu pflegen gilt, gleich einer Beziehung. ! Dazu brauchen diese Jungs Eltern, die sich für eine solche Umwelt authentisch und faktisch einsetzen.

Was tun Jungs? Sie gehen in Grenzerfahrungen - doch in künstliche, da die Umwelt reale Begegnungen mit der Natur nicht mehr zu bieten hat. Der Mann heute geht ins Body-Studio. Das ist auch in Ordnung; der Junge braucht jedoch ein Lagerfeuer, und die Erfahrung mit der Gefahr, dem Gebrauch und der Faszination des Feuers, die sinnliche Erfahrung von Wärme, beißendem Rauch und Meditation in roter Glut.

Es reicht nicht aus, Platz für Frösche zu schaffen, sondern es braucht auch einen Erlebens-Platz für Kinder, der mehr ist als ein Abenteuerurlaub oder Wochenendausflug mit Eintrittskarte zum Erlebnispark ist.

Vorbild
Wenn ich für Orte für Jungen plädiere, an denen Jungen selbst Helden sein dürfen und den Preis des Helden-seins erfahren, hautnah er-leben, dann braucht es natürlich Menschen die sich dafür einsetzen; das sind in erster Linie ihre Eltern und Elternteile.

Ihr Junge braucht Sie als Mann zum lebenden Vorbild.
Als Vater zum Vorbild, damit er zu Ihnen hin schaut und sie wertschätzt - obwohl er in Zorn Sie schon mal zum Teufel schicken kann - er braucht Sie zum Vorbild, damit er nicht nur zu irgendwelchen Knallköpfen in den Medien hoch schaut.
Männer erkennen Beziehungsschwierigkeiten offensichtlich langsamer als Frauen; sie scheinen Interaktionen zwischen Menschen weniger Bedeutung zu schenken. Wie kann ein Mann seinem Sohn die Bedeutung von Beziehung nahe bringen, wenn er selbst die Pflege von Beziehungen an die Frau delegiert (und die Frau es ihm gerne abnimmt)?
All zu oft sind die Beziehungen zwischen Sozial-Profis und jugendlichen Jungen in sozialen Einrichtungen oder Freizeitinitiativen vor allem oder nur kumpelig. Der eine macht auf jünger und der andere auf ein bisschen älter. Die Probleme der Jungen bleiben dabei auf der Strecke: also auch gerade der Sozial-Profi in der Jugendarbeit muss sich fragen: was bin ich eigentlich für ein Mann? Es reicht nicht aus, nur nicht so werden zu wollen wie der eigene Vater!

Die Mutter
Der Junge braucht eine Mutter, die das Mann-sein in den verschiedensten Facetten nehmen kann und letztendlich Männer schätzt. Ihr Sohn erprobt sich gern in seiner Kraft, er macht vielleicht Ringkämpe oder wünscht sich einen Muskelrotz aus Plastik aus den Medien. Er macht den Tarzanschrei und erlebt sich großartig in seiner körperlichen Kraft und Präsens. Wie schauen Sie als Frau auf männliche Kraft? Der männliche Ausdruck von Kraft wird immer wieder negativ besetzt, entweder weil diese verletzt oder als Muskeldemonstration milde belächelt wird.
Wie schauen Sie den Vater Ihres Sohnes an? Eine Mutter, die den Vater abwertet, wertet auch den Teil vom Vater im Jungen ab. Der Junge braucht eine Mutter, die ihrem Sohn erlaubt, so zu werden wie sein Vater, damit er die Wahl hat, so zu werden oder auch ein bisschen anders. Wenn er nicht so werden darf, dann muss er auf jeden Fall „besser" werden (sie sagt das nicht, aber nicht so werden wie der Vater heißt: anders - und anders ist natürlich nicht „noch schlimmer"), und diesen Druck besteht kein Junge.

Ein „richtiger Mann"
Jungen sind heutzutage sehr überfordert. Der Weg eines Jungen, eines „richtigen Jungen", ist oft sehr schmal. Was sich ihre Väter vor 15 / 20 Jahren gefragt haben: Wann ist ein Mann ein Mann, ist heute für diese Jungs nach wie vor eine wichtige Frage. Meine Antwort darauf ist immer: ein „richtiger Mann" ist ein Mann mit Rückrat und der Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen und dabei sensibel für sich zu bleiben. Mit diesen Eigenschaften hat er das ideale Werkzeug in der Welt oder auf dem Schulhof zu bestehen und durch das Scheitern zu gehen.

Zuwendung
Was ein Junge braucht ist ein Platz für seine Zärtlichkeit, und das nicht allein bei der Mutter. Der Junge braucht Zuwendung vom Vater und von anderen Männern, damit er als Cowboy und Held nicht so allein durch die Welt reiten muss . Der Held ist lonely, ähnlich dem um-sich-schlagenden Jungmann, der von allen Schulen fliegt oder grölend auf der Parkbank mit anderen einsamen Cowboys hockt. Ich empfehle sogar Vätern einen Freund oder Bekannten zu haben, der homosexuell ist. Der Junge erlebt darin authentisch, dass diese Männer keine jungenfressenden Ungeheuer oder Kleine-Jungs-Verführer sind, sondern Menschen, die von den Eltern wertgeschätzt werden, die humorvoll sein können und Begabungen haben.
Ein Sohn, der durch Vorbild erlebt, dass ein Mann fürsorglich zu einem anderen Mann sein kann, verhält sich selbstbewusster in seiner Fähigkeit in Konkurrenz zu gehen. Und er wird sich trauen, seinen Freund zu umarmen ohne Angst haben zu müssen als schwul zu gelten.

Zum Schluss
Plakativ kann ich sagen, Jungen sollten lernen können - von ihren Vätern, ihren Müttern, den Lehrerinnen und Lehrern, den Trainern, dem Patenonkel und dem Stiefvater:

dass Gefühle ein breites Spektrum haben sie auszudrücken; Gedichte und Romane oder selbst ein Vorbild zu sein im Ausdruck dieser Gefühle sind Beispiele dafür,

dass sie schneller um Hilfe und Unterstützung bitten dürfen,

dass Liebeswürdigkeit erwünscht und selbst gelebt wird, auch zu Männern,

dass Hegen, Pflegen, und kooperativ-sein ein männlicher Zug ist, der Ausdruck im Alltag findet,

dass es für Körperteile, Genitalien und das große Gebiet der Sexualität Wörter gibt, die über die sachliche und medizinische Fachbezeichnung und über die Straßensprache hinausgehen, die es gemeinsam zu finden gilt und die eine gute Beziehung zum eigenen Geschlecht ausdrücken,

dass Jungen von sportlichen Leistungen im Bett  freizusprechen sind (wenn ihr Sohn alt genug dazu ist mit ihm darüber zu reden) und es nicht darum geht, die Frau unbedingt zum Orgasmus „zu bringen", sondern dass es „Hingabe" gibt und eine Landschaft, die erkundet werden will; wo Polarforscher und Tiefseetaucher mit Mut zum Risiko gefragt sind,

dass Kommunikation tatsächlich nicht einfach ist und dennoch wichtig, selbst wenn es Konflikte gibt,

dass Ausreden-lassen und Zuhören ein wesentlicher Teil von Kommunikation ist. Und natürlich auch das Eingestehen von Fehlern,

dass Gefühle von Traurigkeit und Ohnmacht selbst bekannt sind und nicht das Ende der Welt bedeuten,

dass es sinnvoll ist, dass Jungen Konkurrenz austragen dürfen und es sinnvoll ist, dass Jungen Empathie entwickeln,

dass als Mann die Pflege von Beziehung zum Partner und zum Bekanntenkreis notwendig ist und im Alltag praktiziert wird,

dass es sinnvoll sein kann „nur" über Gefühle zu reden, ohne den Anspruch, was daraus für ein Tun abzuleiten wäre und was die Lösung sein könnte,

dass Intuition genauso wertvoll und nützlich  ist wie Wissen und Rationalität,

dass es Spaß macht als Mann einen Freund zu haben,

dass es lohnenswert ist über das Phänomen Liebe zu reden und deren unterschiedlichen Bedeutung,

dass es lohnend ist, für die Welt der Mädchen sich zu sensibilisieren; von ihrem anderen Stern zu hören und die Wertschätzung ihnen dafür zu zeigen.

Am Rande
Wir sind Teile eines großen Ganzen; wenn ich solche Wünsche ausspreche sind viele oder einige nicht umsetzbar. Wir bewegen uns alle in einem politischen Feld, das Strukturen vorgibt. Da ist zuerst die Arbeitszeit des Mannes zu nennen, die es ihm oft nicht erlaubt der Vater zu sein, den er vielleicht sein will, weil es den politischen Irrglauben nach Wachstum gibt, und deshalb nur bestimmte politische Strukturen gefördert werden. Heftpflaster wie z.B. Elternurlaub erwecken den Anschein der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, doch nach wie vor sind die Männer in der Arbeitswelt im finanziellen Vorteil (was auch wieder seinen Preis hat - siehe die Herzinfarktrate) und Frauen müssen variabler sein, weil der Verdienst des Mannes i. d. R. höher ist. 
Da gibt es zwar die Forderung nach mehr Männern in der Grundschule, der sozialen Arbeit, in Kindertagesstätten, in Altenheimen oder anderen pflegenden Einrichtungen. Doch solange die soziale, pflegerische Tätigkeit so gering bezahlt wird, sprich gering ge"wert"schätzt wird, so lange wird es schwer bleiben, diese Fähigkeiten gleichwertig neben die Bereiche der wertschöpfenden Industrie zu betrachten.

Auch hier sind Eltern, Pädagogen und Coachs gefragt, welche Politik sie unterstützen und welche nicht...sowohl im Kleinen wie im Großen.