Presseartikel

Wiesbadener Kurier    13.05.2005

"Wer bitte kennt Leute mit Geld?"
Arbeitskreis Männer und Gewalt hat das Konzept für eine Beratungsstelle, aber nicht die Mittel


ed. Gewaltprävention wird in der Öffentlichkeit nach Aufsehen erregenden Verbrechen regelmäßig erbittert diskutiert, kommt aber Experten zufolge in der Praxis oft zu kurz. So auch in Wiesbaden, wo selbst Therapiewillige nicht unmittelbar einen Platz finden, obwohl die Chance für lebensverändernde Konsequenzen und den Ausstieg aus der Gewalt im Moment höchster Betroffenheit am größten ist, also etwa nach einer Anzeige.
So hat der "Arbeitskreis Männer und Gewalt in Beziehungen" das Konzept für eine Beratungsstelle für Männer und Jungen erarbeitet, die gewalttätig sind oder Gewalt erfahren mussten. Begründung: "Das neue Gewaltschutzgesetz kann nur erfolgreich sein, wenn die Arbeit mit den Tätern eingebunden wird. Gerade um die Opfer zu schützen und präventiv den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, müssen Perspektiven für die Täter über die juristische Bestrafung hinaus geschaffen werden."
Jungen und Männer haben eine andere Art, Probleme zu lösen, wie Psychotherapeut Michael Knorr bei der Präsentation der Konzeption erklärte: Sie begehen dreimal so oft Selbstmord wie Frauen, Jungen machen doppelt so oft ins Bett, und zwei Drittel aller jugendlichen Tatverdächtigen sind Jungen.
Die Beratung der angestrebten Stelle, die unter anderem mit Polizei, Staatsanwaltschaft, Sozialdiensten und Frauenhäusern kooperiere, könne auf freiwilliger Basis oder mit Auflage erfolgen. In letzterem Fall arbeite man mit der überweisenden Stelle zusammen und sei von der Schweigepflicht entbunden.
Um Männer und Jungen nicht auf das Thema Gewalt zu reduzieren, sondern ihnen auch in ihrer Funktion als Vater, Sohn, Berufstätiger, Arbeitsloser oder Patient zu entsprechen, lautet der zweite Arbeitsschwerpunkt "Männer und Gesundheit". Dabei gelte es, für die Betroffenen eine Lebensform mit weniger Stress zu finden. Zu diesem Zweck ist etwa die Zusammenarbeit mit einem Facharzt für Männerfragen oder die Partnerschaftsberatung für unterschiedliche Lebensgemeinschaften geplant.
Die Basis für die Beratungsstelle, in der laut Knorr "Gewalt, aber auch Gesundheit und Lebensfreude für Männer einen Platz hat" ist nun vorhanden, jetzt fehlen "nur" noch die finanziellen Mittel für mindestens eine Hauptamtlichenstelle und eine (Honorar-) Kraft für Büro- und Stellvertretungsaufgaben und die Miete eines stadtnahen, verkehrsgünstig gelegenen Büros mit zwei Räumen. Denkbar ist nach Ansicht des Arbeitskreises nicht nur eine Finanzierung aus Mitteln der Landes- und Kommunalpolitik, sondern auch ein Mischmodell mit öffentlichen und freien Trägern. "Wer also", fragte Knorr nach Vorstellung des Konzeptes seine Zuhörer, "kennt Leute mit Geld, die etwas für Gewaltprävention tun wollen?"

Frankfurter Rundschau 14.05.05

Arbeitskreis erstellt Konzept für Einrichtung

Wiesbaden -13. Mai -
RMU Der Arbeitskreis „Männer und Gewalt in Beziehungen" hat ein Konzept für eine Beratungsstelle für Männer und Jungen erstellt. Bislang gibt es so eine Einrichtung in Wiesbaden nicht. Die Initiatoren hoffen, dass kommunale und freie Träger den Aufbau einer solchen Stelle finanzieren. In der geplanten Beratungsstelle soll laut Arbeitskreis Jungen und Männern geholfen werden, die gewalttätig sind oder waren, denen selbst Gewalt angetan wurde sowie solchen, die Fragen zum Vatersein, zur Partnerschaft oder Gesundheit haben. Das am Mittwoch vorgestellte Konzept sieht bei häuslicher und sexueller Gewalt eine Zusammenarbeit mit Polizei, Staatsanwaltschaft, Sozialdiensten und Frauenhäusern vor.
   Für die Opfer von Gewalt gibt es laut Aussage des Arbeitskreises bereits ein Netz von Hilfsangeboten. Um aber die Gewaltspirale bei Männern wirksam zu unterbrechen, bedürfe es auch konkreter Konsequenzen. Das seien neben juristischen Maßnahmen auch lebensverändernde Konsequenzen und Perspektiven, die helfen sollen, aus der Gewalt auszusteigen - etwa durch Beratung, Therapie und Gruppentrainings. „Die Chance dazu ist gerade im Moment höchster Betroffenheit - durch die aktuelle Gewaltsituation - am größten.", so der Arbeitskreis. In Wiesbaden haben die Mitarbeiter des Arbeitskreises im vergangenen Jahr insgesamt 21 Männer im Zusammenhang mit Gewalt beraten. Die Polizeistatistik verzeichnet für die Jahre 2000 bis 2003 einschließlich 992 Einsätze wegen häuslicher Gewalt- die Opfer sind fast immer Frauen.

Männerarbeit vernetzen

„Mit der Beratungsstelle wollen wir versuchen, die vereinzelte Männerarbeit zu vernetzen", sagte Christopher Linden von der Telefonseelsorge Mainz-Wiesbaden. „Die Zugangsmöglichkeiten für Männer und Jungen für Beratung und Hilfe ist in Wiesbaden beschränkt. Es fehlt eine Beratungsstelle", sagte Michael Knorr vom Institut für Beratung und Therapie in der Adelheidstraße. Ziel sei es nun, „Verantwortliche für die Beratungsstelle zu finden".
   In Wiesbaden gibt es seit 4 Jahren den Arbeitskreis „Männer und Gewalt in Beziehungen". Das ist ein Zusammenschluss von Institutionen und Fachleuten, die Erfahrungen und Konzepte austauschen im Umgang mit Fällen von Gewalt, die Kooperation verschiedener beteiligter Institutionen weiterentwickeln und es sich jetzt zur Aufgabe gemacht haben, eine Anlaufstelle in Wiesbaden zu schaffen.