Ich hab dann draufgeschlagen

Zur Psychodynamik der Familie und des Täters
aus familientherapeutischer Sicht
Vortrag von Michael Knorr

Wenn ich mich im Kontext von sozialen Helfersystemen, die mit Opfern arbeiten, als Systemtherapeut oute, wird mir in der Regel entgegengebracht: Ah, diese Familientherapeuten, die behaupten doch, dass jeder, Täter und Opfer, dazu beitragen, dass es zur Gewalt kommt; so Einer gibt dem Opfer auch noch die Hälfte der Tatbeteiligung...dabei ist doch offensichtlich, dass der Eine die Andere schlägt !"

Ich will für heute über eine reduktionistische Vorstellung hinausgehen, dass Männer einfach ihre Stärke missbrauchen und Frauen sich selbst zum Opfer machen lassen, weil sie die Männer nicht verlassen (oder wieder zu ihnen zurückkehren). Denn diese Beschreibung weist dem Mann die Rolle des Tyrannen zu und der Frau die der Masochistin oder des hilflosen Opfers. Sie beraubt beide ihrer Menschlichkeit, erfasst allerdings auch einen Teil der Wirklichkeit - aber nur einen Teil. Die Wirklichkeit ist komplexer. Für mich als Therapeut und Berater ist es wichtig, einen Sinn  in den verwirrenden Begleitumständen der Gewalt zu finden - es ist ein Netz, in dem Beide, der Mann und die Frau und wenn Kinder vorhanden auch diese, sich verfangen haben.

Ich arbeite sowohl im Einzelsetting mit Opfern wie auch mit Tätern bei körperlicher und sexueller Gewalterfahrung, wie auch mit Paaren und Familien, die sich in der Gewalt verstrickt haben. Die Arbeit mit Opfern hat mich in meiner therapeutischen Sichtweise erweitert in der Arbeit mit Tätern und die Arbeit mit Tätern sensibilisierte mich für die therapeutische Arbeit mit Opfern. Ich halte es für bedenklich mit nur einem Klientel zu arbeiten - die Wucht der Gewalt und des Leids polarisieren den Berater zu stark in die Gegenrichtung und machen blind für Lösungen, die wirklich heilen. Ich werde darauf noch eingehen.

Wenn ich hier von Beratungssituationen  berichte, dann meist vom Paarberatungssetting; die Arbeit mit den Kindern übernimmt bei traumatischen Erlebnissen ein Kollege oder die Kinder kommen zu einem späteren Zeitpunkt dazu; manchmal erübrigt sich eine Miteinbeziehung der Kinder, da auch ohne Anwesenheit der Kinder über das Umgehen als Eltern zu sprechen möglich ist. Entweder meldet die Frau an und bringt den Partner auf meine Anregung mit in die Beratung, der auch mitkommt, weil er befürchtet seine Frau könne ihn verlassen oder die Frau meldet beide an und benennt als Grund Probleme mit den Kindern. Ich habe grundsätzlich die Haltung, weder eine Trennung noch ein Zusammenbleiben zu befürworten.

Mein Vortrag dauert etwa eine dreiviertel Stunde. Zuerst werde ich auf die Begriffe Verantwortlichkeit, Sühne und Schuld eingehen, dann auf die Psychodynamik des in Gewalt verstrickten Paares und auf ihre Eingebundenheit ihrer Familienherkunft- dabei beleuchte ich die Situation des Kindes, das jetzt der erwachsene Klient ist - Dabei lässt sich die Situation der Kinder, die jetzt in der beschriebenen Familie leben, ableiten. Abschließend gehe ich auf die innere Haltung des Beraters gegenüber dem Paar ein, insbesondere auch zum Täter.

Wer den Täter miteinbezieht z.B. in Beratung und ihn nicht üblicherweise herausnimmt, draußen lässt oder verdammt und ausgrenzt, macht sich verdächtig, den Täter und die Tat zu entschuldigen oder mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Misstrauen entsteht. Warum wird eine solche Verbindung häufig hergestellt? Berater finden in ihrer Arbeit stets Aspekte in der Biographie des Klienten „Täter", in der er nicht nur Täter sondern vor allem auch Opfer ist. Die Gefahr dabei ist, dass der Täter nun auf einmal nicht mehr so verantwortlich scheint, für das was er getan hat - sondern dass er vielmehr andere für sein Handeln verantwortlich erklärt und dass er schließlich vorwiegend mit dem Verhalten Anderer beschäftigt ist und nicht mehr mit seinem eigenen. Deshalb ist es für eine Beratung mit dem Täter zunächst eine Voraussetzung, dass der Berater selbst eine Klärung zwischen den Begriffen Verantwortung, Schuld und Sühne zu finden sich bemüht.