Männer und Gesundheit - ein vernachlässigtes Thema

Die Sozialisation von Männern ist nach wie vor immer noch geprägt von einem unterscheidenden Rollenverhalten. Jungen werden im Gegensatz zu Mädchen eher zur Aktivität und einer Außenorientierung erzogen; soziale Verantwortung und Rücksichtsnahme sind eher Normen für Mädchen.

Es ist nur folgerichtig, wenn sich eine Beratungsstelle, die sich für die körperliche und seelische Gesundheit von Männern und Jungen einsetzt, diese darin unterstützt:

- Gefühle zu zeigen und ermutigt über Gefühle zu reden;
- zu Fehlern zu stehen und zu deren Konsequenzen;
- Körperlichkeit und Körperbezogenheit zuzulassen;
- Kooperation anderen Männern anzubieten und zu lernen zu integrieren statt auszugrenzen;
- Sensibilität und Einfühlungsvermögen  zu zeigen;
- Ohnmacht aushalten zu können und auf sofortige Lösungen zu verzichten;
- zuhören zu können;
- pflegende Aspekte bei sich selbst zu fördern.

Dies alles sind menschliche Qualitäten, die einen Mann in der Kompetenz seiner sozialen Fähigkeiten erweitern und ihn zu einem guten Mitarbeiter oder Vorgesetzen und zu einem attraktiven Partner und Vater qualifizieren. Der Mann, der dies tut, stellt das menschliche Sein gleichberechtigt neben Leistung und Wertschöpfung. Gefühle und Körperlichkeit werden von ihm nicht mehr auf das „Weibliche" abgespalten oder auf Homosexualität projiziert, sondern als männliche Stärke und Kompetenz  wertgeschätzt.

Wie bereits erwähnt sind Männer höher gefährdet an Herzversagen zu sterben, stehen unter beruflichem Leistungsdruck und sind zunehmend in Haushalt und Familie gefordert. Die alte Rolle des sich zurückziehenden einsamen Kriegers ist nicht mehr gefragt; doch die Statistiken zeigen, dass Männer nach wie vor selten zum Hausarzt oder zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, um sich Hilfe und Unterstützung zu holen.

Die  Beratungsstelle für Männer und Jungen beansprucht die ganzheitliche Sichtweise des Mannes.  Sie stellt Gesundheit als ein wichtiges Gut in das Zentrum der Aufmerksamkeit, das es zu pflegen und zu erhalten gilt. Sie sieht Gesundheit nicht nur isoliert auf ein Individuum bezogen, sondern stellt Gesundheit in einen größeren Zusammenhang: wer die eigene Gesundheit pflegt, gibt auch der Gesundheit der ihm Anvertrauten, zum Beispiel der seiner Kinder,  einen größeren Stellenwert.

Die  Beratungsstelle für Männer und Jungen soll einem Mann ein Ort sein können, an dem er sich über Partnerschafts- und Verhütungsfragen genauso informieren kann wie über die seelischen Zusammenhänge und möglichen innerpsychischen Konsequenzen einer Sterilisation oder über die psychologischen und organischen Zusammenhänge einer Impotenz. Er sollte ein Klima von Wertschätzung finden können, das ihn nicht auf destruktive Aspekte von Männlichkeit, wie zum Beispiel allein auf Gewalt, reduziert. In seiner Auseinandersetzung mit körperlichen Erkrankungen soll ihm die Möglichkeit einer Sichtweise der Wechselwirkung zwischen Lebensführung und Krankheit angeboten werden und kompetent an die entsprechenden Fachstellen weiter vermittelt werden.

4 Vgl. „Alte Molkerei Frille", Parteiliche Mädchenarbeit und antisexuelle Jungenarbeit - Abschlussbericht des Modellprojektes „Was Hänschen nicht lernt, lernt Clara nimmer mehr!", Heimvolkshochschule Frille 1988.