PSYCHOTHERAPEUTISCHE PRAXEN-GEMEINSCHAFT


Karl Meister


Diplom-Psychologe - Psychologischer Psychotherapeut - Supervisor
Rauenthaler Str. 5 - 65197 Wiesbaden


Aus Opfern werden Täter

Als Psychotherapeut mit jahrelanger Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen und Erwachsenen, die wegen Gewaltreaktionen (Totschlag, schwere Körperverletzung, Versuch den Partner anzuzünden, Jugendliche, die - wie sie es nannten - "Schwule klatschten", diese ausraubten und niederknüppelten etc.) verurteilt oder angeklagt wurden, habe ich häufiger die für mich anfangs verblüffende Erfahrung gemacht, wie angenehm freundlich, friedlich, z. T. fast aggressionsgehemmt diese im Zweiergespräch waren, allerdings auch ratlos und oft auch fassungslos darüber, warum sie immer wieder so ausrasten, dass sie sich selbst nicht wieder erkennen und völlig außer sich sind.

Häufig treffen diese Attacken gerade diejenige Personen, von denen sie Liebe, Wertschätzung und Bestätigung erwarten. Tatsache ist, dass Menschen, die sich sehr gut kennen und sich sehr nahe sind, dieses Wissen, wenn sie sich selbst angegriffen, missachtet und ungerecht behandelt fühlen, auch als Waffe einsetzen, den Partner zu kränken und zu verletzen. Dies geschieht oft nicht einmal bewusst und absichtlich, sondern mehr zwanghaft, automatisch. So entstehen dann Überkreuzverletzungen, gegenseitige Stiche in alte empfindliche Wunden, wo es kein Halten mehr gibt.

In solchen Situationen besteht die Gefahr, dass die erlittenen alten Schmerzen von früher (meist aus der Kindheit), sich mit der Wut über die jetzige Kränkung vermischen, was eine unbeherrschbare Dynamik zur Folge hat. Die ursprüngliche ohnmächtige Wut des Kindes, die den Bezugspersonen galt / gegolten hat, aber unterdrückt werden musste, trifft jetzt denjenigen, der diese offenen Wunden berührt, Der alte Schmerz wird jetzt auf dem Rücken eines anderen ausagiert.

Den meisten Tätern ist dieser Zusammenhang in keinerlei Weise bewusst, so dass sie sich oft wie von einer fremden Macht getrieben fühlen. In der Fachsprache nennt man dieses Phänomen Übertragung, in diesem Moment wird im vis à vis der Quäler von früher gesehen und es erfolgt eine Regression im Sinne einer Zeitverschiebung, wo sich ein verzweifeltes Kind mit den Mitteln und der Kraft des Erwachsenen wehrt, um sich schlägt und stellvertretend "rächt".

Normalerweise wird in solchen gewaltsamen Auseinandersetzungen
im Verhalten des Gegenüber die Schuld für das eigene Ausrasten gesucht und gefunden. Wer an dieser Überzeugung festhält, wird dasselbe Fiasko in ähnlicher Form auch mit anderen Partnern erleben. Die ungewollte Wiederholung solcher Szenen, die Zwanghaftigkeit, sie nicht unterbrechen zu können, selbst wenn man das eigene Verhalten nicht als angemessen erlebt, die Heftigkeit des Gefühlsausbruchs und die Tatsache, dass man sogar jemanden angreift und nieder macht, den man schätzt und liebt, sind wichtige Alarmsignale. Die Beachtung dieser Zeichen und die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Anteil auseinanderzusetzen, ist Voraussetzung dafür, die Wiederholung dieses Elends unterbrechen zu können. Kein Schwören, keine Androhung von Gefängnis - auch keine Androhung von Todesstrafe - kann diese zwanghaften Abläufe verhindern.


Für das Erkennen der ablaufenden Mechanismen und ihrer Hintergründe und den bewussten Umgang mit den "offenen Wunden" ist eine psychotherapeutische Hilfestellung fast unverzichtbar. Auch wenn die Heilung der Wunden in der therapeutischen Arbeit nur teilweise gelingt, so lässt sich doch in den meisten Fällen eine Reduzierung der Dynamik und Gefährdung erreichen. Außerdem lassen sich in der Therapie Techniken entwickeln, Alarmsignale vor Ausbruch der Eskalation zu erkennen, um noch rechtzeitig aus einem verhängnisvollen Wechselspiel auszusteigen. Es sind Sternstunden unseres Berufs, das Glücksgefühl miterleben zu dürfen, wenn ein bisheriger "Provokateur" oder Täter es zum ersten Mal geschafft hat, sich am eigenen Schopf rechtzeitig aus einer drohenden Wiederholung Verstrickung zu befreien.

Mit diesem Artikel möchte ich Menschen, die solche verhängnisvollen Abläufe immer wieder durchleben, sich und Beziehungen damit gefährden, Mut machen, sich aus diesen Zwängen zu befreien. Wenn die Symptomatik Krankheitswert hat, was oft der Fall ist, übernehmen sogar die Krankenkassen die Kosten einer Behandlung. Die oben beschriebenen destruktiven Muster lassen sich sogar im Zusammenhang mit Auflagen "Therapie statt Strafe" unter günstigen Umständen (z. B. angemessener Zeitrahmen) verändern.